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29.09.2026 • Johannes Stühlinger • Lesezeit:

Verlernen wir es, zu genießen?

Genuss steht heute oft unter Rechtfertigungsdruck: zu viel Zucker, zu viel Fett, zu viel Alkohol. Doch brauchen wir vielleicht gerade mehr Freiheit, um bewusst genießen zu können? Und wie sehr hilft es uns wirklich, Lebensmittel in Gut und Böse zu clustern? Eine gesellschaftliche Spurensuche mit Ernährungspsychologin Elvira Egger aus der Region, in der die Weine des Neusiedlersee DAC gedeihen.

Mit Unterstützung von Bund, Land und Europäischer Union.

WO BLEIBT DIE LEBENSFREUDE? Es steht außer Frage: Genuss hat in unserer Zeit ein ambivalentes Image. Einerseits gilt er als Ausdruck von Lebensqualität, andererseits steht er schnell unter Rechtfertigungsdruck: zu viel Zucker, zu viel Fett – zu viel Alkohol. Gerade im Umfeld von Kulinarik und Wein stellt sich daher eine spannende Frage: Machen wir es uns mit all den Regeln manchmal selbst schwer, Genuss überhaupt noch zuzulassen? Überspitzt formuliert. Führt das Dämonisieren von gewissen Produkten in eine Welt ohne Lebensfreude?

Ernährungspsychologin Elvira Egger aus Neusiedl am See.

„Genuss braucht ein Mindestmaß an Freiheit. STRENGE ERNÄHRUNGSREGELN AKTIVIEREN KONTROLLE, während Genuss Offenheit und Sinneserlebnis erfordert. Aber es macht nicht der Alkohol den Genuss wertvoll, sondern der soziale und kulturelle Rahmen.“ – Mag.a ELVIA EGGER

Die Ernährungspsychologin Elvira Egger aus Neusiedl am See sieht Ernährung grundsätzlich als wichtigen Faktor für unser Wohlbefinden. Und dabei denkt eben nicht bloß an Nährstofftabellen, sondern weit darüber hinaus. „Aus ernährungsmedizinischer Sicht wirkt Essen auf mehreren Ebenen auf unser Wohlbefinden: biologisch, emotional und sozial“, erklärt sie. Bestimmte Lebensmittel liefern tatsächlich Bausteine für Neurotransmitter wie Serotonin oder Dopamin. Aber das sind nur einzelne Bausteinbe, wie Egger relativiert, um zu präzisieren: „Glück entsteht aus dem Zusammenspiel von physiologischer Versorgung, Sinneserfahrung und emotionalem Kontext.“ Damit rückt die Wahrnehmung selbst in den Mittelpunkt. Essen, das nebenbei konsumiert wird, verliert oft seine genussstiftende Wirkung.

Zeitdruck, Multitasking oder ständige Selbstkontrolle können laut Egger regelrechte Genussbarrieren darstellen. „Genuss ist ein Zustand parasympathischer Aktivierung“, sagt sie. Wer dauerhaft im Funktionsmodus lebe, verliere leichter den Zugang dazu.

Genuss braucht Kontext, hier als Weinbegleitung und einem leckeren Essen.
Genuss braucht Kontext.

Lebensmittel wie Wein oder Vollkornbrot haben laut Ernährungspsychologin Elvira Egger keine „moralische Qualität“. Sie in Gut oder Böse einzuteilen führt ihrer Meinung nach nicht zu Genussmomenten, sondern zu Schuldgefühlen und einem ungesunden Essverhalten.

Besonders kritisch sieht sie starre Ernährungsregeln. „Genuss braucht ein Mindestmaß an Freiheit. Strenge Ernährungsregeln aktivieren Kontrolle, während Genuss Offenheit und Sinneserleben erfordert.“ Interessanterweise kann daher gelegentliches bewusstes Abweichen von dem, was vielleicht gesellschaftlich erwartet wird, sogar stabilisierend wirken: „Das gelegentliche bewusste ,Regelbrechen‘ kann entlastend wirken; nicht als Rebellion, sondern als Integration von Flexibilität.“ Auch die aktuell oft formulierte moralische Einteilung von Lebensmitteln hinterfragt Egger deutlich. „Lebensmittel besitzen keine moralische Qualität, sie haben schlichtweg eine Wirkungsmacht in bestimmten Dosen.“ Die Kategorien „gut“ oder „böse“ führen ihrer Meinung nach häufig zu Schuldgefühlen und Stress und können paradoxerweise ungesundes Essverhalten fördern. Differenziertere Begriffe wie „förderlich“, „neutral“ oder „gelegentlich“ seien hilfreicher.

Beim Thema Wein wird diese Balance besonders sichtbar. Medizinisch bleibt Alkohol freilich ein sensibler Stoff, doch psychologisch entsteht sein positiver Effekt meist weniger durch den Alkohol selbst als durch den Rahmen: gemeinsames Essen, kulturelle Rituale, bewusste Sinneserfahrung. „Nicht der Alkohol macht den Genuss wertvoll, sondern der kulturelle und soziale Rahmen“, betont Egger. Und mit einem Augenzwinkern ergänzt sie: „Der Wein darf die Stimmung begleiten, aber er sollte sie nicht führen.“

Nicht der Alkohol macht den Genuss aus, sondern der soziale Rahmen.
Der kulturelle und soziale Rahmen macht den Genuss aus und nicht etwa der Alkohol.

Auffällig sind dabei auch Generationenunterschiede. Ältere Menschen pflegen oft ritualisierte Esskulturen und nehmen sich mehr Zeit für Geschmack und Atmosphäre. Jüngere Generationen verfügen zwar über enormes Ernährungswissen, erleben dadurch aber auch stärkeren Optimierungsdruck. Genuss müsse häufig erst legitimiert werden.

Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel: Genuss braucht weder völlige Regellosigkeit noch strenge Kontrolle, sondern eine Balance. Verantwortung und Leichtigkeit schließen einander nicht aus. „Genuss entsteht dort, wo Verantwortung und Leichtigkeit koexistieren“, fasst Egger zusammen. Gerade im Kontext von Wein zeigt sich das deutlich. In moderaten Mengen und guter Qualität kann er Teil einer bewussten Esskultur sein; nicht als Mittel zur Stimmungssteuerung, sondern als Anlass für Aufmerksamkeit, Austausch und Entschleunigung. Oder anders gesagt: Nicht das Überschreiten von Regeln macht Genuss wertvoll, sondern die Fähigkeit, sie flexibel und bewusst zu leben. Also: zu genießen.

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NEUSIEDLERSEE DAC.
Einzigartiger Zweigelt. Einzigartige Süßweine.
Von der Sonnenseite Österreichs. Zur Gaumenfreude aller.

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